"Orte des Glaubens"

Einrichtungen in christlicher Trägerschaft werden als „Orte des Glaubens“ gebraucht

„Ich kann es nicht mehr hören“, sagte kürzlich eine junge Schwester, als ein Redner wieder von den rückläufigen Mitgliederzahlen und den damit verbundenen einrichtungs- und personenbezogenen Ablösungen sprach. „Ich bin hier und schaue einer spannenden Zukunft ins Auge!“.
Recht hat sie! Das Thema einer jungen Schwester ist nicht das Hochhalten dessen, was mit ganz anderen Ressourcen geleistet wurde, was im Kontext anderer politischer, gesellschaftlicher und kirchlicher Gegebenheiten Sinn und Ziel hatte und was früher persönliches und gemeinschaftliches Entwicklungspotential verhieß. Das Thema einer jungen Schwester könnte lauten: ich sorge für einen Lebensraum, wo wir als frohe, lebendige geistliche Gemeinschaft unserer Sendung dienen. – Wirklich spannend!
In diesem Bericht konzentriere ich mich auf den Veränderungsprozess in sozial-caritativ-tätigen Ordensgemeinschaften in Deutschland. Stellvertretend für viele Kongregationen, die ihre Sendung bei kranken oder alten  Menschen, bei Kindern und Jugendlichen oder bei Menschen mit Behinderungen  verwirklichen, berichte ich aus meiner eigenen Gemeinschaft.
In der Trägerschaft der Kongregation der St. Franziskusschwestern von Vierzehnheiligen befinden sich in Deutschland derzeit fünf verschiedene soziale und schulische Einrichtungen. Allen gemeinsam ist, dass sie ursprünglich von einem Ordensmitglied geleitet wurden und z. T. heute auch geleitet werden, dass es schon Zeiten gab, zu denen deutlich mehrere Schwestern in diesen Einrichtungen tätig waren, dass für die Mitarbeiterinnen die Arbeitsvertragsrichtlinien der Caritas (AVR) gelten und dass diese Einrichtungen in der Öffentlichkeit sehr wohl als „christliche Einrichtung“ wahrgenommen werden.

Leitbildentwicklung

Vor mehr als 10 Jahren wurde ein Leitbildprozess begonnen. Zuerst gab sich die Kongregation ein Leitbild, dann folgten nach und nach die Einrichtungen. In allen Leitbildern kommt die Bedeutung der christlichen Zielausrichtung vor. Von den Mitarbeiterinnen erwarten wir die Identifikation mit den Zielen der Einrichtung. Dies ist nicht nur Aufgabe für die Mitarbeiterin sondern auch für die Arbeitgeberin.

Was kennzeichnet „christlich“?

Im Rahmen des Qualitätsmanagements wurde eine Gruppe innerhalb der Dienstgemeinschaft befragt, woran denn zu erkennen sein, dass das Krankenhaus ein „christliches Krankenhaus“ sei. Das Ergebnis macht mich unruhig! Sehr hohe Priorität hatte die Aussage: an den Ordensschwestern. Doch: die Präsenz der Ordensschwestern ist rückläufig – das ist Fakt. Was ist dann mit dem „christlichen Krankenhaus“, wenn keine Frau im Ordenskleid mehr da ist? Sind die anderen Mitarbeiterinnen  weniger „christlich“? Warum wird deren Religiosität/ Spiritualität nicht wahrgenommen? Bringt der Rückzug der Ordensfrauen zwangsläufig einen Paradigmenwechsel mit sich? Was ist zu tun?

Die Trägerin ist in Bringschuld

So wie wir unsererseits von der  Mitarbeiterin eine Identifizierung mit den Zielen der Einrichtung erwarten, so müssen wir als Dienstgeberin und Trägerin der Einrichtung die Mitarbeiterinnen befähigen, die Grundsätze und die Inhalte der Ziele zu kennen.
Mit einer Fortbildungsreihe kommt die Dienstgeberin diesem Anliegen entgegen. Schon seit Einsetzung des Leitbildes wird kontinuierlich daran gearbeitet, dass die Themen des Leitbildes im Alltag ankommen. Die fachlichen innerbetrieblichen Fortbildungen sind ergänzt um die nichtfachlichen berufsgruppenübergreifenden Fortbildungen. Dazu gehören Vorträge, z. B. zu den „Missverständnissen rund um die Nächstenliebe“ oder:  „Die vergessenen Wurzeln – Woher wir Christen kommen“. Auch die Mitarbeitervertretung arbeitet sehr konstruktiv in diesem Anliegen. Bei Betriebsausflügen hält sie beispielsweise stets ein humor- und geistvolles Quiz bereit, das nicht nur wegen der Gewinnchance beliebt ist. Derzeit werden Überlegungen angestellt, christliches Grundwissen in einer Art „Wikipedia“ einrichtungsspezifisch ins Intranet zu stellen. Ein Angebot, das aus der Situation des Fachkräftemangels heraus notwendig wird, da die Einstellung konfessionsloser bzw. moslemischer Mitarbeiterinnen kommen wird. Die Mitarbeiterin kann sich dann im Rahmen ihrer PC-Tätigkeit am Arbeitsplatz z. B. zum Sakrament der Krankensalbung informieren.

Zweimal jährlich lädt die Kongregation Mitarbeiterinnen aus allen Einrichtungen zu Besinnungstagen ins Mutterhaus ein. Bei den Erstveranstaltungen nahm der Informationsteil zum Thema Kloster, den Örtlichkeiten und Vernetzungen noch breiten Raum ein. Seit einigen Jahren ist dieses Bedürfnis abgedeckt und dem Referenten stehen nahezu zwei Tage zur Verfügung, in denen er Leben und Glauben zusammen führt. Für viele Mitarbeiterinnen ist es ein echtes Aha-Erlebnis, zu erkennen, wie lebensnah die biblischen Geschichten sind, so  z. B. die Geschichte des Elija, die eine Burn-out-Situation beschreibt und durchaus etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben kann.  

 

Räume für Religiöses schaffen

Unsere Erfahrung ist, dass kaum eine Mitarbeiterin in ihrem privaten Umfeld Zugang hat zu derartigen theologischen Wissenserweiterungen und zu gemeinschaftlichen, spirituellen Erfahrungen. Die Angebote in den Pfarreien sind sehr stark liturgisch geprägt. Es ist kaum Zeit und Raum und Diskretion für vertiefende Angebote, insbes. wenn wegen Schichtarbeit regelmäßig stattfindende Angebote nicht wahrgenommen werden können. Bei den Mitarbeiter-Besinnungstagen entsteht mit dem Bewusstsein, Mitarbeiterin der gleichen Arbeitgeberin zu sein auch das Gefühl von Gemeinsamkeit; dies bewirkt Offenheit und Vertrauen. „Man traut sich plötzlich, über Religiöses zu reden“ sagte eine Teilnehmerin. Ist dies ein erster Schritt, die Mitarbeiterin zu befähigen, über Glaube und Glaubenserfahrungen zu reden?

 

Christliche Einrichtung: Orte des Glaubens

Weihbischof Hauke prognostizierte im September 2010 in Erfurt anlässlich der Tagung „Herausforderungen einer missionarischen Pastoral“, dass in Zukunft den Einrichtungen in christlicher Trägerschaft eine noch größere Bedeutung zukommen werde. Sie werden als „Orte des Glaubens“ gebraucht!-  Ich teile diese Einschätzung! – Christliche Einrichtungen können zu gesuchten Orten werden, wenn z. B. für Menschen mit existentiellen Lebens- und Glaubensfragen der Priester zu weit weg ist – räumlich oder auch aus einer Vertrauensdistanz heraus. Christliche Einrichtungen können oft liturgische Räume anbieten, Vernetzungen ermöglichen und sich zum geistlichen Zentrum entwickeln, denn:  „Wo auch nur wenige Menschen geistlich miteinander leben, braucht es nicht viele Worte der Verkündigung!“ – so Weihbischof Hauke.

 

Kompetenz /  Befähigung

Warum trauen sich nur wenige Christen zu, über ihren Glauben offen zu reden? Ich behaupte, eine lange Zeit wurde dies den Laien „abgesprochen“. Doch, ausgestattet mit den Gaben des Heiligen Geistes kann jede die Botschaft Jesu weiter geben, z. B. die Mutter, die ihrem Kind aus der Kinderbibel vorliest und die akribischen Fragen des Kindes beantwortet – das ist Verkündigung. Da sich heute viele Jugendliche spätestens nach der Firmung aus dem kirchlichen Raum zurückziehen, entwickelt sich deren „Erwachsenenglaube“ nicht. Wer im Stadium des „Kinderglaubens“ stehen geblieben ist meldet als Erwachsene zu Recht an, dass sie unfähig ist, über ihren Glauben zu sprechen.

 

Glaubens-„Bildung“ braucht Unterstützung

Die starke Akzentuierung des Moralischen und eine Fehlentwicklung hin zum „Jenseits-Glauben“ sind eine große Herausforderung. Dr. Georg Betz sagt: „Der Weg zu einem tragfähigen Gottesbild führt nicht über die Vermehrung von Gottesdiensten, Andachten, Liedern und Gebeten in der Dienstgemeinschaft. Aussichtsreicher erscheint es, das „Suchen“, „Studieren“, „ Verstehen“, „Einsehen“ und „Tun“ des Willens Gottes zu vermehren. Volk Gottes bildet sich über die Bildung eines neuen, vom Wort Gottes inspirierten Bewusstseins“.

 

Christliche Einrichtung als Ort des Glaubens gestalten

Es braucht engagierte Menschen, die  – von der guten Botschaft Jesu erfüllt – im ganz normalen Berufsalltag um die reale Präsenz Gottes im Hier und Jetzt wissen. Franziskus von Assisi kann uns dazu viel sagen. Er bewegte sich im „Raum Gottes“  und kommunizierte mit allem Geschaffenen als seine „Schwestern und Brüder“ (vgl. Sonnengesang).  Diese wertschätzende Haltung drückt sich im Alltag aus – damals und heute.

 

Investition ins Profil der Einrichtung oder in die Kirche?

Soziale Einrichtungen erleben einen starken wirtschaftlichen Druck. Große Unternehmen bieten die gleichen Dienstleistungen an, bedienen ihre Investoren gut und verlangen von ihren Mitarbeiterinnen viel. Im Schutz des Tarifs der AVR ist wenig wirtschaftlicher Spielraum. Jede Maßnahme, die zur Stärkung des christlichen Profils einer Einrichtung dient, wird von den Kostenträgerstellen nicht gegenfinanziert. Ich erwarte deshalb von der Kirche unterstützende Maßnahmen für christliche Einrichtungen, die als „Orte des Glaubens“ der „Neuevangelisation“ dienen.
In den Vatikan-Nachrichten war am 12.10.2010 zu lesen:  „ … Papst Benedikt XVI. betont in dem apostolischen Schreiben „Ubicumque et semper“ („Immer und überall“) zur Gründung des Rates für die Neuevangelisation, dass die Kirche die geeigneten Mittel suchen müsse, diese Verkündigung zu leisten... “.  

 

Es bleibt spannend!

In diesem Beitrag berichte ich von einer lebensnahen Form, berufliche Lebenswelt und Glauben miteinander zu verbinden. Sie ist nicht wirklich neu, aber das Engagement wird auf „breitere Füße“ gestellt. Die junge Schwester hat Recht: sie schaut einer spannenden Zukunft entgegen. Nicht ihr Ordenskleid wird es sein, das die christliche Einrichtung zur „christlichen Einrichtung“ macht. Ihr und unser aller Zutrauen, dass jede Getaufte eine Verkünderin der Botschaft Jesu ist, wird der Mitarbeiterin der Zukunft ganz viel Selbstvertrauen in ihre religiöse Kompetenz geben. Und das wird ausstrahlen, anstecken, begeistern …  Hier und jetzt bringt die Teilhabe anderer an der eigenen Spiritualität die Erfahrung, dass ich selber beschenkt werde. In unserem Leitbild heißt es: „Wir sind als Gebende vor allem Beschenkte, als Helfende selbst Hilfsbedürftige. Im gegenseitigen Nehmen und Geben erleben wir Gemeinschaft und entdecken, dass Glaube und Persönlichkeit wachsen. Die Teilhabe aller am Leben in der Gemeinschaft ist unser Ziel“.

PS: der in weiblicher Form geschriebene Artikel impliziert selbstverständlich auch die männliche Form

Schw. M. Regina Pröls
Generalvikarin d. St. Franziskusschwestern, Vierzehnheiligen

erschienen ist der Artikel in: Wegbereiter 1/2010, Magazin für Berufe der Kirche, S. 10-11
eingestellt: 2010-12-19 srkatharina