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Was bedeuten die Evangelischen Räte?

PROFESS – das ist ein Versprechen (vor Zeugen), nach den drei evangelischen Räten (Gelübde) zu leben.


Zu den EVANGELISCHEN  RÄTEN: (evangelisch: aus dem Evangelium abgeleitet, Räte: von Ratschlag)

 

ARMUT ist der leichteste und zugleich schwerste dieser Räte. Es geht nicht nur um materielle Armut, auch vor Gott arm sein: Ich weiß, dass mir alles geschenkt ist, was ich habe. Nichts habe ich durch irgendetwas verdient. Gott liebt mich und sorgt für mich. Als Beschenkte darf ich mein Leben leben.
Armut bedeutet eine große Freiheit. Als ich ins Kloster eintrat, habe ich meine Wohnung aufgelöst und meine Sachen verschenkt. Ich spürte mit jedem Stück, das ich gab, dass ich freier wurde. Es hört sich sicher für euch unglaublich an. Franziskus hat es mal so erklärt: er muss auf nichts aufpassen und Kraft aufwenden um sein Eigentum zu schützen. Er braucht keine Waffen, keinen Safe... Er war beweglich und nicht an einen Ort gebunden. Seine Sicherheit war Gott und sein Leben lag in Gottes Hand. So machte er sich frei von Sorgen. Es scheint uns als moderne, sicherheitssuchende Menschen irrsinnig, leichtsinnig und verantwortungslos. Es ist auch nicht leicht in unserer Gesellschaft, die durch ein Gesetz die Menschen sinnvollerweise zu Versicherungen verpflichtet, arm zu leben. Auch für unseren Dienst an den Menschen brauchen wir „materiellen Reichtum“. Es ist eine ständige Spannung zwischen dem Ideal und der Realität in unserem Leben.

 

GEHORSAM dürfen wir viel weiter sehen, als nur einen blinden Gehorsam als Befehlsempfänger ohne Mitspracherecht. Es meint hören auf die Mitmenschen, ihre Sorgen und Nöte, auf die Schöpfung, auf die Zeichen der Zeit, auf/in mich selbst... und natürlich auf Gott. Selbstverständlich gehört dazu auch, in Absprache mit der Ordensleitung darauf zu hören, was die Gemeinschaft von mir will. Auch die Ordensleitung hat Gehorsam versprochen. Für sie ist auch wichtig auf die Schwestern zu schauen, die sie leiten, auf ihre Fähigkeiten, Talente aber auch Nöte und Grenzen.

 

EHELOSE  KEUSCHHEIT hat auch eine größere Bedeutung als auf den ersten Blick scheint.
Keuschheit ist nicht beschränkt auf Sexualität, sondern bedeutet einen achtsamen, wertschätzenden, verantworteten und verantwortungsvollen Umgang mit allem, was mir geschenkt ist – d.h. mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Dingen und mit mir selbst. (Keuschheit kann auch in einer Ehe gelebt werden.)
Ehelos lebe ich, „um des Himmelreiches willen“. Das kann ich am besten an einem Beispiel verdeutlichen: Ich sehe bei meiner Schwester, wie viele Sorgen sie und ihr Mann mit ihren Kindern hat. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, kann er sich nicht einfach in eine Ecke setzen und abschalten. Er muss jetzt auch für die Familie da sein und unter Umständen mitten in der Nacht aufstehen, weil eines der Kinder krank ist. Das fordert viel Kraft. Ich kann, weil ich freiwillig ehelos lebe, diese Kraft für meinen Dienst an den Menschen einsetzen, kann mir meine Ruhezeiten ziemlich frei wählen...
Da Kinder aber nicht nur Sorgen sondern auch viel Freude machen, fällt es mir nicht leicht, auf sie zu verzichten. Den Wunsch nach eigenen Kindern kann ich nicht einfach wegstecken. Dieser Wunsch gehört zum Frau-Sein dazu. Die Fruchtbarkeit einer Frau zeigt sich aber nicht nur in Kindern, sondern z.B. auch in der Kreativität; ihre Mütterlichkeit im Umgang mit anderen Menschen.
Vielleicht meint ihr jetzt, ich könnte ja auch eine Ehe eingehen ohne Kinder und franziskanisch leben, ohne gleich in ein Kloster einzutreten. Für mich gehören Ehe und Kinder zusammen. Auch eine Ehe, die kinderlos bleibt, ist eine Familie, für die ich verantwortlich bin. Meine Familie sind meine Gemeinschaft und die Menschen, die einsam sind.

 

Die evangelischen Räte nur als Verzicht zu sehen bedeutet eine Lebenseinschränkung. Jeder von ihnen ist eine Lebenshaltung, eine Grundhaltung, eine Hilfe im Umgang mit den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung. Wenn ich die Räte als Ziel verstehen würde, käme ich nie an. Sie sind ein Stachel, den wir jeden Tag spüren, eine Herausforderung, aber auch eine Sicherheit, ein Schutz, eine Orientierung. Ich werde immer wieder mein Leben überdenken, von den Räten hinterfragen lassen müssen und dürfen.
Ich möchte mein Leben als Beschenkte, als Hörende und als achtsam Liebende leben.