Kehrt um

Wir sind moderne Menschen und glauben daher,
der kürzeste oder schnellste  Weg
zwischen zwei Punkten ist die Gerade.
Im geistlichen Leben ist das nicht so.
Da ist es das Labyrinth.

 

 


Mit diesen Worten hat der Exerzitienbegleiter meine letzten Exerzitien eingeleitet. Seither lässt es mich nicht mehr los. Ich konnte diesem Gedanken anfangs nicht so recht zustimmen aber verneinen konnte ich ihn auch nicht.

Nach einiger Zeit fiel mir ein Text über Flüssigkeiten in die Hand, in dem es hieß:
Wasser  fließt von sich aus nie geradeaus, sondern schlängelt sich in größeren und kleineren Windungen vorwärts. Frei fließendes Wasser sucht stets nach Möglichkeiten, Verwirbelungen und kleine Strudel aufzubauen. Auch Regentropfen an der Fensterscheibe fließen nicht einfach schnurgerade nach unten. Der Grund: die Wasserwirbel entwickeln Selbstreinigungskräfte, so dass das Wasser wieder klar wird. Außerdem sorgen die Wasserwirbel für den Energieaufbau.

Da kam mir wieder der Hinweis meines Exerzitienbegleiters in den Sinn.
Die Vorstellung, dass alles, was in lebendigem Fluss ist, nicht geradeaus fließt, sondern durch die Landschaft „mäandert“, gefällt mir. Es nimmt mir den Druck, alles sofort und direkt erledigen und erreichen zu müssen. Und es zeigt mir, dass ich die scheinbar unnützen Kurven und Windungen brauche, weil sie mir eine Erfahrung schenken, die meine  „Selbstreinigungskräfte“ aktivieren und für den Energieaufbau sorgen.

Labyrinthe bestehen aus vielen Mäandern und man muss oft „umkehren“, bis man die Mitte erreicht. Aber genau diese Wendungen machen den Gang durch ein Labyrinth so besonders.

Vielleicht besteht die Kunst des Lebens auch darin, ab und an bewusst durch den Tag zu „mäandern“, sich von scheinbar Wichtigem ab-lenken zu lassen und den kreativen, reinigenden Prozess zu sehen, der mir letztlich neue Energie schenkt.

Auf einmal klingt der Ruf aus den Evangelien „Kehrt um!“ ganz anders.

 

Sr. Franziska Dieterle

 

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