Mit Christus gekreuzigt

„Ich bin mit Christus gekreuzigt worden;
nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“
Gal 2, 20

 

 Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit die berühmte Stadt Assisi zum ersten Mal zu besuchen. Es war für mich eine wunderschöne Erfahrung. Die kleinen Kirchen, die engen Straßen, alles spricht allein von dem Wunder dieses Ortes, nämlich das Wirken Gottes im Leben von Franziskus, Klara und seinen Brüdern und Schwestern. Von dieser Erfahrung möchte ich euch einige Zeilen schenken, besonders von meinen Eindrücken in La Verna, dem Berg, wo Franziskus die gleichen Gefühle wie der gekreuzigte Jesus erfahren durfte. Ein erster Eindruck war der äußere Kontrast des Geländes: Die eindrucksvolle und lebendige Natur mit ihren riesigen Felsen, worauf das Heiligtum aufgebaut wurde, andererseits ein wenig Traurigkeit wegen der dunkleren Farbe des Steines, mit dem die Kirche und alle anderen Räume aufgebaut sind. Dazu zählen Stille und kräftiger Wind überall. Genau das Gegenteil wie in Assisi.

Nach meinem Besuch an den verschiedenen Stellen, an denen Franziskus sich zur Meditation und zum Gebet zurückzog, blieb ich verweilend über die Majestät der Natur, oben auf dem Berg und den Blick nach unten auf das Tal. Einfach spürte ich, dass Gott dort gegenwärtig war. Seine Schöpfung erzählte mir davon.
Was geschah denn an diesem Ort und warum ist es für uns Franziskanerinnen so wichtig?
Zwei Jahre vor seinem Tod (1224) ging Franziskus zum Berg La Verna um in der Stille und Einsamkeit dieser Gegend Gott zu begegnen. Es waren für ihn schwierige Tage, denn seine Brüder erkannten namlich nicht die erste Fassung seine Lebensform an. Ihm wurde gesagt, sie sei verloren. Wollten seine Brüder diese anspruchvolle Regel nicht aufnehmen? Hatte Franziskus etwas falsch gemacht, das ihn und seine Ideale in Frage gestellt hat? Er hatte es einfach nicht verstanden und suchte Trost und Versöhnung vor Gott. Lange Stunden verweilte Franziskus in weinendem Gebet auf La Verna. Bruder Leo war eine treue Seele und Zeuge dieser Begegnungen mit Gott.  Das alles war für Franziskus wie ein Zusammenbruch auf seinem Weg in der Nachfolge Christi. Trotzdem durfte er dort erfahren, dass sein Leid das Leid Jesu berührte. Auf dem Berg La Verna, entdeckte er, dass das Geheimnis des Leidens Jesu und sein eigenes Leiden in Verbindung standen. Als Zeichen dieser tiefen Begegnung mit Jesus, dem Gekreuzigten, bekam er von ihm die Wundmale damit er schon wisse, nicht der Martertod des Leibes, sondern die Glut des Geistes müsse ihn als Freund Christi ganz zum Bild des Gekreuzigten Christus umgestalten. (LM XIII 3,25)
Das alles machte La Verna zu einem bedeutsamen Ort der Begegnung für Franziskus. Die letzte Zeit vor seinem Tod verbrachte er dort. Als die Zeit kam, sich von dort zu verabschieden, da er sehr krank war, wurde er von Bruder Leo wieder zurück  nach La Portiunkula begleitet. Eine Urkunde, die man Bruder Masseo zuschreibt, berichtet, wie Franziskus von La Verna Abschied nahm: Am Morgen des 30. September 1224 versammelte er uns in der Kapelle, wo er seiner Gewohnheit gemäß die heilige Messe gehört hatte. Nachdem er uns befohlen hatte, uns immer untereinander zu lieben, dem Gebete zu obliegen und für die Kapelle eifrig besorgt zu sein, empfahl er uns den heiligen Berg und schrieb den gegenwärtigen und künftigen Brüdern vor, ihm die Verehrung zu bewahren. „Bruder Masseo“, sagte er, „Ich wünsche, dass die Oberen hierher nur gottesfürchtige Ordensbrüder senden, die unter den Besten des Ordens ausgewählt werden!“ Dann sagte er: „Lebewohl Bruder Masseo! Lebewohl Bruder Angelo“, und in gleicher Weise verabschiedete er sich von Bruder Sylvester und von Bruder Illuminatus. Er fügte hinzu: „Bleibt in Frieden, meine lieben Söhne. Lebt wohl! Ich kehre nach Portiunkula zurück und werde niemals wiederkommen. Mein Leib entfernt sich von euch, aber ich lasse euch mein Herz hier. Lebe wohl Berg La Verna! Lebe wohl, Berg der Engel! Lebe wohl, liebes Gebirge! Lebe wohl, Bruder Falke, ich danke dir noch einmal für deine Güte gegen mich. Lebe wohl, Felsvorsprung, wie werden uns nicht wieder sehen. Lebe wohl, Unsere Liebe Frau von den Engel! Ich empfehle dir meine Söhne, die hier sind, Mutter des ewigen Wortes“. Er entfernte sich weinend und nahm unsere Herzen mit sich!

Franziskus blieb sein ganzes Leben dem Evangelium treu. Er verstand, dass in der Nachfolge Christi Menschwerdung, Kreuz und Auferstehung verbunden sind und wollte, dass andere Menschen dieselbe Freude daran erfahren. So ist die erste Weihnachtkrippe in Greccio entstanden und in La Verna das Geschehen des Leidens Christi in Franziskus’ Leib.

Ich lade euch alle ein mit mir auch nachzudenken: Inwieweit erkenne ich in meinem Leben und vor allem im Leben  der Mitmenschen – die es unfreiwillig tragen –  das Leid Christi, wenn wir immer wieder davon hören und sehen? Menschwerdung und Kreuz sind zwei Pole eines einzigen Weges, der uns alle zur Auferstehung zusammen führt. Wenn wir  solidarisch auf der Seite der Gekreuzigten unserer Zeit stehen, wird die Kraft des Evangeliums, die alle aufrichtet, immer wieder als „Neue Botschaft“ lebendig bleiben.  


Sr. Diana Oré
(Peru)

 

 

 

Login