"Wie ist Gott?“

oder: „Du sollst dir (k)ein Bildnis machen“

Vor kurzem war ich in unserer Bundeshauptstadt Berlin und habe dabei auch der „East Side Gallery“ einen Besuch abgestattet. Dabei handelt es sich um einen Mauerabschnitt in Friedrichshain, der kurz nach der Wende  von verschiedenen Künstlern auf sehr originelle Weise mit großformatigen Bildern gestaltet wurde.
Mein Blick blieb an dem Spruch „How`s God? She`s black“ und der einfachen Zeichnung daneben hängen.
Mir ist nicht bekannt, von wem Text und Bild stammen. Ich wage allerdings die Vermutung, dass der Urheber damit provozieren wollte.
Gott – weiblich und schwarz? Das kann doch nicht wahr sein.....
Auf mich hat das Werk einen ganz nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ein „brainstorming“ in die unterschiedlichsten Richtungen ausgelöst.
Die Mauer, die einst mitten durch Berlin führte und die Mauer in meinem Kopf haben nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun.
Welches Bild mache denn ich mir von Gott? Welche Vorstellung verbinde ich mit dem, der sagte: Ich bin der „Ich bin da“!?
Ich kann mir die „Gottheit“, die weibliche und männliche Züge in sich vereint, so schwer vorstellen und vermag immer nur bruchstückhaft die wahre Größe meines Herren zu erkennen.
Eben weil ich nur den menschlichen Blick habe, fällt es mir auch im Alltag oft schwer, eine gewisse „Großzügigkeit“ meinen Mitmenschen gegenüber an den Tag zu legen. Sehr oft bin ich ein „kleinkarierter Mensch“ mit „kleinkarierten Ansichten“. Ich bilde mir mein Urteil häufig viel zu schnell, ohne noch einmal zu hinterfragen – ohne hinter die Fassade oder Mauer eines Menschen zu blicken; ohne Einfühlungsvermögen und Engagement für Randgruppen unserer Gesellschaft – „schwarz“ steht hier stellvertretend für mein schlechtes Gewissen!
Gott sieht mich -sieht uns alle- hinter unseren persönlichen Mauern, hinter unseren Schutzwällen aus Angst, Zynismus, Hilflosigkeit und Wut.
Er weiß, welcher Art die Gefühle und Erlebnisse sind, die uns so haben werden lassen. Er spürt, kennt und heilt unseren Mangel an Geborgenheit, an Bestätigung und zärtlicher Hinwendung, an bedingungsloser Liebe.
Ich schreibe „Er“ und meine nun noch die weibliche Seite meines Gottes. Es ist wieder nur ein Bild, das ich mir machen kann.
Gottesbilder –weibliche und männliche- sind wichtig für unsere Phantasie und dienen als Hilfestellung, weil wir ja immer etwas „Greifbares“  brauchen.
Vermutlich schaut Gott ganz gutmütig auf die Versuche von Künstlern, Theologen und allen anderen Menschen, ihn/sie wieder in ein Schema oder ein gewisses Muster pressen zu wollen.
Wenn Göttlichkeit die besten Eigenschaften des „Weiblichen“ und „Männlichen“ in sich vereint und darüber hinaus noch unendlich viel mehr darstellt von dem „Etwas“, was ich mir niemals werde vorstellen können, dann hat mein und unser Gott die Kraft, alle Mauern dieser Erde und die Mauern in unseren Köpfen und Herzen niederzureißen.
Warum kritisieren wir immer nur das, was uns Menschen trennt?
Die großherzige Liebe Gottes ist es, die uns verbindet über alle geschlechtsspezifischen Unterschiede, Religionen, politischen Meinungen und Ländergrenzen hinweg.
Gott ist auch schwarz und auch weiblich und so grenzenlos viel mehr, als ich es mir jemals werde vorstellen können.

Beate Völker
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