Die Berufung des heiligen Franziskus war es, das Evangelium zu leben und so ist die franziskanische Spiritualität wesentlich durch die Erfahrungen geprägt, die Franziskus in seinem Leben gemacht hat. Die Herausforderung für uns heute besteht darin, die franziskanische Spiritualität in der Jetzt-Zeit lebendig werden zu lassen.

Hier finden Sie eine Auswahl zentraler Elemente einer franziskanischen Spiritualität. Der Inhalt öffnet sich durch Anklicken des Begriffes. Die Gedanken stammen von Br. Stefan Federbusch ofm.

 

Elemente einer franziskanischen Spiritualität

Das Evangelium leben

Franziskus war und blieb Zeit seines Lebens ein Suchender.
Nach Jahren des Ringens um seinen Weg wählte er das Evangelium als Maßstab und Richtschnur für sein Leben. Er fühlte sich durch die Worte des Evangeliums unmittelbar von der Liebe Gottes angesprochen. Das brachte Veränderung.  

Als er „hörte, dass die Jünger Christi nicht Gold oder Silber noch Geld besitzen, noch Beutel, noch Reisetasche, noch Brot, noch einen Stab auf den Weg mitnehmen, noch Schuhe, noch zwei Röcke tragen dürfen, sondern nur das Reich Gottes und Buße predigen sollten, froh-lockte er sogleich im Geiste Gottes und sprach: ‚Das ist es, was ich will! Das ist es, was ich suche! Das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun“ (1Cel 22).

Übersetzung ins Heute:

Die Heilige Schrift als Inspiration für das eigene Leben nutzen
Das spirituelle Leben als einen lebenslangen Prozess verstehen

Mit Ehrfurcht in der Schöpfung leben

Franziskus sah die Welt als Einheit und Ganzes.
Die Schöpfung verwies ihn auf Gott.
Für Franziskus wurden alle Geschöpfe,
alle Elemente und Dinge zu „Schwestern“ und „Brüdern“.
Durch sie und mit ihnen lobte er im Sonnengesang, ein Loblied das er schrieb, alles Ge-schaffene.

Übersetzung ins Heute:

In der gesamten Schöpfung Gott erkennen
Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung übernehmen

Eine weltbejahende Spiritualität entwickeln

Die Menschwerdung Gottes war für Franziskus
der zentrale Ausgangspunkt seines Gottesverständnisses.
Der große Gott macht sich klein, er entäußert sich.
Franziskus war derart fasziniert von diesem Geheimnis,
dass er es in Greccio nachspielen ließ -
die erste Krippenfeier der Geschichte (vgl. 1 Cel 84).
Durch die Menschwerdung Gottes wird seine Nähe in dieser Welt erfahrbar.
Gott sagt Ja zu dieser geschaffenen Welt .

Übersetzung ins Heute:

Christliches Leben mitten in der Welt
Die Hinwendung zu den Menschen
Das Achten des Kleinen und Geringen

Unterwegs sein

Zentrales Kernelement bildete für Franziskus
und seine Brüder die Nachfolge Jesu in Form
des Wanderlebens, wie es Jesus mit seinen Aposteln geführt hat.
Als die ersten Brüder einmal gefragt wurden, wo ihr Kloster sei,
gingen sie auf einen Berg, zeigten in die Ferne
und antworteten: „Das ist unser Kloster.“
Das franziskanische Kloster ist also die Welt mit ihren Menschen.
Die Beheimatung war für Franziskus zum einen die Berufung
und zum anderen die Bruderschaft.

Übersetzung ins Heute:

Flexibilität und Nicht-Gebundensein an bestimmte Orte
Innerlich und äußerlich beweglich bleiben

Eine be-geist-erte Kirche mitgestalten

Franziskus wusste sich und seine Gemeinschaft als ein Teil der Kirche.
In einer Zeit, die geprägt war von zahlreichen häretischen Bewegungen,
war es nicht unwesentlich, sich im Rahmen der Kirche zu bewegen.
Franziskus hat die Kirche nie direkt kritisiert.
Er hat sich für einen authentischen Lebensstil stark gemacht,
der anderen Menschen Vorbild sein kann.
Für ihn galt: Hören statt Hörigkeit, Charisma statt Macht,
Lieben statt Verurteilen, Dialog führen statt einander bekämpfen,
den Glauben mit dem Leben bezeugen statt durch Wort und Schwert verteidigen.

Übersetzung ins Heute:

Leben mit und in der Kirche
Kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Entwicklungen
Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche sein

Mit den Ausgegrenzten solidarisch leben

Ein wesentliches Element seiner Bekehrung war für Franziskus die Begegnung mit dem Aussätzigen. Diese Begegnung hat ihn verändert.
Die Dreigefährtenlegende erzählt: „Und während er sonst gewohnt war, vor Aussätzigen großen Abscheu zu haben, tat er sich jetzt Gewalt an, stieg vom Pferd, reichte dem Aussätzigen ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Dann empfing er  von ihm  den Friedensgruß“. Das Wunderbare geschah: Wo sich Franziskus zunächst Gewalt antun musste, wurde ihm das „in Süßigkeit des Leibes und der Seele verwandelt“ (Test 3). Diese Erfahrung war so tiefgreifend, dass er sie in seiner Regel festhielt:
Die Brüder „müssen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren, mit Armen und Schwachen, mit Aussätzigen und mit Bettlern am Weg“ (NbReg 9,3).

Übersetzung ins Heute:

Die Hinwendung zum einzelnen Menschen
Die Christusbegegnung im Armen und Ausgegrenzten
Engagement in Politik und Sozialbereich
Einsatz für Gerechtigkeit

Sich nichts aneignen

Franziskus war von Haus aus Kaufmannssohn.
Er sah in der damaligen aufkommenden Geldwirtschaft eine Gefahr
und lehnte den Gebrauch von Geld kategorisch ab.

„Wenn wir irgendwelches Eigentum besitzen würden, so müssten wir unbedingt zu unserem Schutz auch Waffen haben. Daraus entstehen aber Streitigkeiten und Zank, und dadurch wird die Liebe Gottes und des Nächsten gewöhnlich stark gehemmt. Und deshalb wollen wir in dieser Welt nichts Irdisches besitzen“ (DreiGefLeg 35).

Franziskus lehnte für seine Gemeinschaft jeden Besitz ab.
Dem „armen“ Christus wollte er folgen und auf jeden finanziellen Rückhalt verzichten.

Übersetzung ins Heute:

Leben in Einfachheit
Teilen der Güter
Solidarität mit den Armen

Einander geschwisterlich begegnen

Kernelement seiner Lebensweise war für Franziskus die Brüderlichkeit.
Franziskus wünschte sich ein familiares Modell für seine Bruderschaft.

„Und wo immer die Brüder sind und sich treffen, sollen sie sich einander als Hausgenossen erzeigen. Und vertrauensvoll soll einer dem anderen seine Not offenbaren; denn wenn schon eine Mutter ihren leiblichen Sohn nährt und liebt, um wie viel sorgfältiger muss einer seinen geistlichen Bruder lieben und nähren? Und wenn einer von ihnen schwer krank werden sollte, dann müssen die anderen Brüder ihm so dienen, wie sie selbst bedient sein wollen“ (BReg 6).

Franziskus betonte die Gleichheit aller Brüder. An die Stelle eines hierarchischen Models setzte er ein demokratisches Modell. Jedes Amt ist ein Dienstamt.

Franziskus war es wichtig, dass niemand verurteilt wurde.
Auch bei Verfehlungen waren Barmherzigkeit und Nachsicht
seine Handlungsprinzipien.

Übersetzung ins Heute:

Interesse aneinander und Fürsorge füreinander
Gleichheit aller Menschen anerkennen
Barmherzigkeit üben
Fragmentarisches wertschätzen

Sich senden lassen

Franziskus verstand sein Leben und Tun als missionarisch.
Er wollte den Menschen von der Liebe Gottes erzählen.
Franziskus ging es vor allem um die Übereinstimmung von Verkündigung und Lebensstil. Vorrang vor dem Wort hat das Zeugnis des Lebens.

 „Der Knecht Gottes muss durch sein heiligmäßiges Leben so sehr zu einer Flamme werden, dass er durch das Licht des guten Beispiels und durch die Sprache, die sein Lebenswandel spricht, alle Gottlosen im Gewissen trifft“ (2 Cel 103).

Übersetzung ins Heute:

Authentisches Leben als Predigt
Vorrang des Lebenszeugnisses vor dem Wort
Ständige Selbstevangelisierung

Frieden stiften

Franziskus verstand sich als Bote des Friedens.
Er war sich bewusst, dass der wahre Friede ein Geschenk Gottes ist.
Franziskus wünschte in seinen Briefen „Friede und Heil“.
Mit seinem Friedensverständnis stellte sich Franziskus gegen
das kirchliche Denken seiner Zeit, das geprägt war vom Aufruf zum Kreuzzug.
Das Handeln von Franziskus zielte auf Versöhnung.
Es gelang ihm in verschiedenen Situationen,
Frieden zwischen verfeindeten Parteien zu stiften.

Übersetzung ins Heute:

Absage an Gewalt jeder Art
Einsatz für Frieden weltweit und vor Ort
Anderen Religionen in Ehrfurcht begegnen

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