„Wacht – denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde!“

Als ich heute diese Sätze aus dem Markus-Evangelium hörte, fiel mir Franz Jalics SJ ein. Er hatte seine eigene Art, die Bibel auszulegen. Etwa in der Mitte der Exerzitien, wenn sich Trockenzeiten, Schwere und Resignation breitmachen, hat Franz gelegentlich dieses Evangelium gewählt. Er schilderte zwei „Sorten“ von Knechten:
der eine wacht ein paar Stunden, wie ihm der Herr aufgetragen hat. Dann wird er müde, dann ungeduldig, dann ärgerlich und er denkt: „Wo bleibt der Kerl so lang! Er vergnügt sich irgendwo und ich sitze hier stundenlang und wache! Jetzt reicht es, ich bin müde, ich will schlafen, morgen ist auch noch ein Tag… ich geh jetzt schlafen, das ist mein Recht!“
Der andere Knecht wacht auch schon Stunden. Auch er wird müde. Doch sein Inneres ist liebevoll – und hellwach. Er denkt: „Mein Herr ist auf Reisen, wann er kommt weiß ich nicht. Er soll ruhig ausbleiben, solange er will – ich bin da. Soll er sich vergnügen, wenn es ihm gut tut - ich wache. Ich bin da. Er weiß was er tut und warum er es tut.“

Wach bleiben. Die Augen hoffen halten, die Seele offenhalten, liebevoll, und Seinem Kommen trauen, auch wenn er sich Zeit lässt, auch wenn er scheinbar fern ist…

Auch mein Alltag kennt Routinezeiten. Trockenzeiten. Müdigkeit. Nichts Aufregendes… nichts Spektakuläres…  so manches Mühsame, so manches, was an mir zieht. Der Herr lässt sich Zeit. Trau ich Ihm, dass er kommt? Ich spür die Einladung innerlich wach zu bleiben, meine inneren Augen offenhalten für all die vielen Momente, in denen ER schon da ist… und nur darauf wartet, dass ich Ihn sehe… in vielen kleinen Augen-Blicken, in Begegnungen, in allem was unerwartet, ungeplant, unvorhersehbar ist… weil das Seine Einfallstore sind.

Wachen, jeden Tag, jede Stunde… o Herr, warten auf dich!

Sr. Martina Selmaier
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