"Alle suchen Dich"

Jeden Morgen entscheide ich mich, dem Vorbild unseres Ordensvaters  des Hl. Franziskus entsprechend, das Evangelium, die frohe Botschaft des Tages, zu lesen und in mein Leben umzusetzen.. Schon oft durfte ich das Wort der Bibel als Lebenselixier erfahren. Es korrigiert meine Lebenseinstellung, gibt meinen Gedanken eine andere Sichtweise, vermittelt mir Mut  und sendet mich froh und bereit in den Alltag.
Mit einer Bibelstelle aus Markus 1, 35-39, die mich vor einigen Tagen wieder lebendig ansprach, will ich sie hineinnehmen in eine Situation, die wir kennen oder nach der wir uns sehnen: „Alle suchen dich.“

So sagte Simon und seine Begleiter, die Jesus nacheilten. Er, der Herr, „ging in aller Frühe, als es noch dunkel war, an einen einsamen Ort, um zu beten.“
Sehnen wir uns nicht immer wieder nach Stille,  nach einem einsamen Ort, um uns selbst zu finden, um durchatmen zu können? Welche Prioritäten besetzen, fesseln uns aber, lassen in uns Unruhe, Gehetzt-Sein  zu?
Ich bin dankbar, dass es der Herr ist, der mir zeigt, wie wichtig  das Gespräch, die Beziehung mit dem ist, der mein Leben liebend in der Hand hält. Er ist der Herr, von dem der Prophet Jesaja  (42,2) sagt: “Er lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr bricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“. Diese Glaubensgewissheit lässt die Gemeinschaft mit Simon rufen: „Alle suchen dich.“ Überzeugt können sie rufen; sie glauben der Bitte bei Jesaias: „Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist“. (Jes 55, 6)

Jede einzelne, jeder Mensch ist aufgerufen, das Bleibende zu suchen. Darauf werden die Schwestern und Brüder in den Psalmen des Stundengebetes hingewiesen.
„Mein Herz denkt an dein Wort: suchet mein Angesicht. Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“. (Ps 27) 
„ Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir. Meine Seele dürstet nach dir, dem lebendigen Gott“. (Ps 42) 
„Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir“.  ( Ps 63)

„Alle suchen dich“, behauptet Simon mit seinen Begleitern, sie beurteilen und verurteilen nicht. „Als sie ihn, Jesus, den Herrn, an dem einsamen Ort fanden“, bündelten sie alle Ängste, Nöte, Schwierigkeiten, Wünsche des Volkes mit der einfachen, aber überzeugenden und vertrauensvollen Aussage: „Alle suchen dich“.

Wir wissen aus eigener Erfahrung:
„Je mehr der Mensch sich selber sucht, entgleitet er sich“.(Romano Guardini )
Bleiben wir am persönlichen Erfolg oder an Enttäuschung hängen; halten fest, was uns als Glück erscheint; geben wir in Konflikten auf, lassen die Hoffnung schwinden, dann verlieren wir unsere Mitte, dann spüren wir nicht mehr das große JA der bedingungslosen Liebe unseres Gottes.
Suchen wir aber wirklich „die Freiheit, mit der jeder einzelne sein Leben selbst entwerfen und mit seinem eigenen Ja den Weg gehen kann, der seinem Wesen entspricht“? (Papst Benedikt)

Wir alle suchen Menschen mit einem offenen Ohr und einem einfühlenden Herzen; Menschen, denen wir vertrauen können, die uns nicht manipulieren. Wir sehnen uns nach Treue und Zuverlässigkeit in den Beziehungen. Unser Sehnen ist ausgerichtet nach Sicherheit, Frieden in uns und in der kleinen und großen Welt.

Mit all unserer vielseitigen Sehnsucht und dem unterschiedlichem Suchen bilden wir eine Gemeinschaft, spüren aber auch die eigenen Grenzen. Wir halten uns offen im Suchen nach dem, der sich suchen  und finden lässt. Seine ermutigende Zusage bleibt: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ ( Mt  28,20 )

„In unserem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und Bewahrung der Schöpfung sind wir Jüngerinnen Jesu Christi“.  (aus unserem Leitbild)
So wollen wir Schwestern der Menschwerdung dienen; vermittelnd, stellvertretend  den Suchenden helfen, besonders im Fürbittgebet der Vesper. Doch der Herr ist nicht als Wundarzt gekommen, sondern als Verkünder der Liebe des barmherzigen Vaters in Wort und Tat.

Was suchen Sie in Ihrem Leben? 
Wollen Sie suchen und finden?

 

Sr. M. Engelharda Braun
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