Herzensangelegenheiten


„Man sieht nur mit dem Herzen gut,
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ 
A. de Saint-Exupéry

Dieser Satz aus dem Klassiker „Der kleine Prinz“ begleitet mich seit Jugendtagen. Nach der ersten Lektüre des Buches ist er mir noch viele Male als Spruch im Poesiealbum oder auf Glückwunschkarten begegnet. Obgleich so häufig zitiert, hat er für mich nichts von seiner Aussagekraft verloren.
Nun habe ich diesen Satz vor kurzem auf dem Trauerbild eines guten Bekannten gelesen. Und er hat mich diesmal auf eine ganz besondere Art und Weise im Innersten getroffen.
Man sieht auch nur dann mit dem Herzen gut, wenn man sich beständig darin einübt. Es setzt gewissermaßen die Grundbereitschaft voraus, sich in den Nächsten einfühlen zu wollen, ihm näher zu kommen als nur von Angesicht zu Angesicht.
Wie viele Menschen „kenne“ ich seit Jahren – und „kenne“ nur ihr Gesicht, ihr Äußeres, die Verpackung, das, was sie von sich zeigen wollen. Nur selten kratze ich an der Oberfläche, bleibe distanziert mit wohldosiertem Interesse.
Der tragische Todesfall in der vergangenen Woche führte mir ganz drastisch und sehr persönlich vor Augen, dass man einen Menschen durchaus lange Jahre im Bekanntenkreis haben kann, ohne auch nur einmal den Blick auf das „Wesentliche“ zu richten, nämlich dem, was in seinem Innersten vorgeht.
Im Buch sagt der Fuchs weiter zum kleinen Prinzen: „Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig – du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.“
Bin ich denn verantwortlich für einen Menschen, den ich mir nicht vertraut gemacht habe, mit dem ich zwar Zeit verbrachte, der sich mir wohl aber sicherlich nicht anvertrauen wollte? Hätte ich denn überhaupt helfen können?
So werden viele meiner Fragen unbeantwortet bleiben. Es gibt dafür keine plausiblen Erklärungen. Allein die Beschäftigung damit setzt ungeahnte Emotionen frei.
So bleibt es die große Aufgabe meines Lebens, mich in „Herzensangelegenheiten“ weiter einzuüben. Es ist gut, meinen eigenen Gefühlen zu trauen und den spontanen Impulsen auch einmal nachzugeben. Es ist richtig, wenn ich nicht immer vor einer Entscheidung oder einem Gespräch abwäge, was es mir „bringt“ und ob ich dabei möglicherweise mein Gesicht verlieren könnte. Es ist wichtig, in dieser „Schule des Sehens“ immer wieder um göttlichen Beistand zu bitten.
Meine Augen können das Wesentliche nicht erkennen.
Auch Gott lässt sich nicht  „anschauen“. Die Erfahrung seiner Nähe kann ich nur tief in meinem Herzen machen.
Meine Ratlosigkeit und Trauer bringe ich vor ihn hin mit der festen Hoffnung, dass ein jeder von uns ihm vertraut und anvertraut ist. 

Beate Völker
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