Jonas und Kohelet oder Bibelkunde mit Enkel

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit“ (Kohelet 3,1)

„So habe ich eingesehen: Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen. Das ist sein Anteil (Kohelet 3,22)


Mit  meinem knapp zweijährigen Enkel Jonas spazieren gehen- das ist etwas ganz Besonderes. Jonas läuft ja nicht einfach so neben mir her, sondern er entdeckt die Welt – und das bei jedem Schritt. Momentan ist er begeisterter Puky-Radfahrer. Mit diesem tollen Gefährt saust er ab wie der Blitz und schiebt so unglaublich schnell mit seinen zwei kleinen Beinchen an, dass ich jedes Mal denke, er könnte später 100-Meter Weltrekordler werden. So schnell wie er los fährt kann er aber auch wieder anhalten. Dann steigt er vom Rad und murmelt etwas vor sich hin. Behutsam hält er etwas zwischen seinen Händen. Ich sehe erst einmal gar nichts. Als ich näher komme, fällt mir zwischen seinen Fingern eine winzige Muschel auf. „Schüssel“ sagt er nur- und tatsächlich, mit etwas Phantasie kann ich wirklich die Form einer Schale erkennen. Natürlich dürfen wir den Fund nicht achtlos wegwerfen, sondern die Oma muss die Muschel in ihre Tasche stecken. So geht das dann munter weiter. Mal ist es ein Löwenzahn, der aus den Pflastersteinen hervorwuchert oder das Gänseblümchen im Rasen, dann weckt ein Abfallpapier sein Interesse oder er schaut urplötzlich in den Himmel und entdeckt ein Flugzeug oder einen Vogel. Auf diese Weise bestimmen sich Länge und Richtung der Spaziergänge von selber beziehungsweise werden vom Erlebnisdrang des Kindes koordiniert.
Ich habe das Gefühl, mein Enkel ist jede Sekunde seines Daseins ganz bei sich! Was er tut und für was er Interesse zeigt, das geschieht stets mit vollem Einsatz.
Ganz im Gegensatz zu mir, die ich- auch wenn ich gerade bei einer Sache bin, immer schon irgendetwas neues plane, vordenke, überlege….
Die Kunst, ganz im Augenblick zu leben, beherrschen wohl wirklich nur kleine Kinder und vielleicht einige meditationsgeübte Menschen.
Wenn ich mir Jonas so anschaue, dann komme ich unweigerlich ins Philosophieren. Wenn dieser unbedingte Wille zum Da-Sein zum Jetzt-Sein so genial in uns angelegt ist, warum kommt uns dann diese Fähigkeit im Laufe unseres Lebens immer mehr abhanden? Verlieren wir uns zu sehr in Belanglosigkeiten, Planungen, Banalitäten und Ablenkungsmanövern des Alltags und vergessen darüber das Hier-Sein und den so wichtigen Augenblick? Alles was geschehen ist, ist schon vorüber und nur mehr Erinnerung und alles was noch kommt, liegt nicht in unserer Hand und wird auch ohne unser Zutun geschehen (frei nach Kohelet).
Was wirklich zählt, ist der Augenblick, das Hier und Heute. Wie Kohelet feststellt, hat alles im Leben seine Zeit und will entsprechend bewusst und geistesklar gelebt werden. Und durch mein aktives Zutun kann und darf ich Glück besonders intensiv im Augenblick erleben und nicht im Schwelgen in der Vergangenheit oder im Träumen von der Zukunft.
Ich bin sehr dankbar, dass ich mit meinem Enkel Jonas wieder ein Stück weit erleben und neu erlernen darf, wie kostbar jeder Lebensmoment ist und wie reich uns Gott mit seiner Fülle und Gnade beschenkt.

Beate Völker

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