„Im Knottnkino“

oder „Der Film meines Lebens“


Ein Open-Air Kino der ganz besonderen Art gibt es in Südtirol in der Gemeinde Vöran zu bestaunen.
Franz Messner, ein Künstler aus Ritten, hat auf einem hervorragenden Aussichtspunkt, dem Rotenstein, das „Knottnkino“ installiert.
„Knottn“ ist der Begriff für weinrote, runde Kuppen aus einem Fels, der seine Entstehung reger Vulkantätigkeit verdankt. Einer dieser Knottn ist der besagte Rotenstein und dieser bittet zu einem Filmerlebnis der ganz besonderen Art.
Dreißig Kinosessel aus Stahl und Holz laden zum Schauen, Genießen, Staunen und Veweilen ein. Je nach Wetterlage hat man unvergleichliche Ausblicke und ein sensationelles Panoramabild in bester 3D- Qualität.
Auf einer angebrachten Gedenktafel heißt es sinngemäß, dass in diesem Kino der ganz besonderen Art für jeden Besucher ein eigener Film abläuft, wenn er sich nur darauf einlassen mag.
Das „Knottnkino“ versteht sich als Spiegel der eigenen Erlebniswelt und lädt unweigerlich zum Nachdenken ein.
Ich nehme Platz in der ersten Reihe und obwohl viele Urlauber den Weg hierher gefunden haben, ist es fast andächtig still, keiner spricht laut.
Ich lasse den Blick in die Ferne schweifen und denke mir, dass sich über den Film meines Lebens  ganz wunderbar fabulieren lässt.
Darin darf ich Drehbuchautorin, Hauptdarstellerin und Regisseurin  in einem sein; eine einmalige Gelegenheit, eine einzigartige Chance und – ein einziger Versuch!
Mir stehen nicht  -wie am Set großer Hollywoodproduktionen- Kostümbildner und Kosmetiker zur Verfügung.
In meiner Geschichte muss ich mich selber spielen und kann in keine noch so verlockende Rolle schlüpfen. Masken kann ich zwar nach außen hin aufsetzen, tief in mir drinnen aber muss ich mich selber aushalten und ertragen können, eine ganze Film- und Lebenslänge hindurch.
Viele Szenen und Kapitel hat mein Film, fast so wie eine „daily-soap“, wie eine dieser schnulzigen Endlosserien mit immer wiederkehrenden Ereignissen und vetrauten Gesichtern, auch die Nebenrollen sind gut besetzt.
Von Folge zu Folge lebe ich und kann gerade nicht das tun, was einen guten Film ausmacht: bei mir gibt es keinen Schnitt, keine Nachbearbeitungen, keine später unterlegte Musik, keine eingefügten Töne und Geräusche. Alles passiert JETZT und in diesem Augenblick „live“.
Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt. ER ist in meinem Film immer Zuschauer, manchmal Mitspieler und salopp gesprochen der Produzent meiner großen Lebenssaga. Ohne ihn und sein göttliches „Vermögen“ hätte ich nicht die Chance erhalten, dieses mein Leben zu inszenieren mit aller Tragik, Komik, Liebe und Leidenschaft, die eben meine persönliche Sequenz im großen Gewebe des Lebens ausmacht.
Ich kann auch nicht – was ich bei meinen Lieblingsfilmen auf DVD gerne tue- die besonders schönen Szenen und Momente wiederholen und mehrmals anschauen.
In meinem Lebensfilm lassen sich weder Personen noch Ereignisse festhalten und für mich konservieren, auch wenn ich es mir oft mit aller Macht wünsche.
Wenn ich einen Titel für mein Werk benennen müsste, dann wäre es ganz offensichtlich die „große Geschichte des Loslassens“. Immer wieder werde ich gezwungen, Menschen und Gefühle einfach freizugeben. Wie oft habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass sich nichts und niemand festhalten lässt: weder der schöne Urlaub noch der nette Theaterabend, meine Kinder nicht und auch Freundschaften unterliegen dem Verfallsdatum. In meinem Kummer darüber vergesse ich oft, dass ER die Schwachstellen und die endlosen Minuten schwarzen Zelluloids ausfüllt mit seiner Vorstellung von meinem Leben und an mich und meinen Lebensfilm glaubt. Er gibt mich nicht auf!
Und wenn dann irgendwann einmal der Abspann meines persönlichen Regiedebüts läuft, legt ER im großen Kinosaal nebenan die Spule für den Hauptfilm ein.
Darauf hoffe ich,daran glaube ich!


Beate Völker

 

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