"Mein Klient hat keine Eile"

Mit diesem Satz antwortete einst der berühmte Baumeister Antoni Gaudí auf die Frage, wann denn die Basilika Sagrada Família in Barcelona endlich fertig sei. 128 Jahre später wird hier noch immer eifrig gebaut und über die Pläne gestritten. Die Sagrada Família, von Gaudí als Bauwerk für die Ewigkeit geplant, ist auch eine ewige Baustelle.


Beim Besuch dieser Kirche haben mich mehrere Dinge gleichermaßen fasziniert: Der geniale Architekt Gaudí „brannte“ im wahrsten Sinne des Wortes für seine Sache. Er übernahm in relativ jungen Jahren die Baustelle der Basilika wohlwissend, dass dieses Projekt unmöglich während seiner Lebenszeit zu vollenden war. Viele Jahre lang lebte er in einer einfachen Behausung direkt auf der Baustelle und widmete sich ausschließlich dem Wachsen und Werden seiner Kirche. Obwohl sich ein unglaublicher Strom an Touristen gleichzeitig mit mir durch dieses Bauwerk bewegte, blieb genügend Raum und Zeit, das Besondere dieser Kirche zu erfassen und gleichzeitig der Botschaft hinter Gaudís Worten nachzuspüren.


Wenn Gott keine Eile hat, so heißt das doch im übertragenen Sinne für mich, dass er mit uns Menschen Geduld hat, auch mir „keinen Stress macht“, sondern mich mein Tempo, meinen notwendigen Rhythmus leben lässt, wenn ich mir nur genügend Gedanken über mich selber mache und nachspüre, was gerade in diesem Moment für mich wichtig ist.


Das klingt so einfach und doch bin ICH irgendwie ständig in Eile. Im Kopf schwirren tausend Gedanken gleichzeitig. Ich tue etwas und denke schon wieder darüber nach, was im Laufe des Tages noch erledigt werden muss. Immer gibt es etwas zu planen und zu arbeiten und manchmal frage ich mich, ob das „TUN“ nicht dazu da ist, mich von mir selber abzulenken. Erlege ich mir nicht selber oft viele Dinge auf, die eigentlich warten könnten, auf den zweiten Blick möglicherweise überflüssig sind, und verschwende ich damit nicht kostbare Zeit?


Wofür „brenne“ ich? Der Herr hat keine Eile mit mir, aber sicherlich wird er mich auch nicht ewig auf „Sparflamme“ halten können. Er gibt mir Zeit, aber will auch, dass ich diese nutze und nicht leichtfertig vergeude.


Nicht fertig werden mit etwas! Das hat der tiefgläubige Architekt Gaudí in seinem Leben oft erfahren müssen. Wenn man sich die wunderbaren und oft nicht vollendeten Werke von ihm anschaut, dann spürt man die Bedeutung des Satzes: Der Weg ist das Ziel! Er hat für seine Ideen gekämpft und diese letztlich auch oft durchsetzen können. Die Basilika, aber auch die weltlichen Bauten, sind von einer überirdischen Schönheit durchdrungen, deren Wirkung man sich gar nicht mehr entziehen möchte, weil sie einen erheben über das Alltägliche und deutlich die Leidenschaft und das Feuer spüren lassen, von der ein Mann wie Gaudí beseelt war.


Herr, bleibe geduldig mit mir und gib meiner kleinen Flamme Nahrung!

Beate Völker
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