Meiner Seele nah

„Der Gott, den es nicht gibt,
in mir ein dunkler Riss,
ist meiner Seele nah,
sooft ich ihn vermiss.“

Christian Lehnert


Es gibt Sätze, die packen mich, rütteln an mir, lassen mir keine Ruhe, fordern mich…
...und schließlich befreien sie mich. Der Satz von Christian Lehnert (evangelischer Pfarrer und Poet) ist so ein Satz. Vor ein paar Tagen habe ich ihn gelesen in einem Adventskalender – drei Tage nach dem Terroranschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin.

„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss…“ –

meine Gottesbilder zerreißen… meine Bilder von einem guten Gott, der die Seinen liebt und schützt – wo ist er, wenn Verblendung und Hass zu solchen Anschlägen führen? Wo ist er in Aleppo? Wo in den überfüllten Gefängnissen in der Türkei? Fährt er mit auf den überladenen Booten im Mittelmeer, die kentern? Wo ist er, wenn Kindern Gewehre in die Hand gedrückt und Mädchen brutal vergewaltigt werden?

„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss…“

Ja, ich spüre ihn, den Riss. Er schmerzt. Weil er bohrende Fragen auslöst, auf die es keine Antworten gibt.
„… Christ, der Retter ist da?“ Ich kann heuer nur ganz leise mitsingen… und nur deshalb, weil der zweite Satzteil mitschwingt:

„…ist meiner Seele nah, sooft ich ihn vermiss.“

Im Vermissen bist DU mir nah. Im Riss, den ich fühle. Und in der stummen Bitte, auf Deine Weise dem Dunkel, dem Zweifel, den bohrenden Fragen, den Menschen in Angst und Schmerz Deinen Blick zuzuwenden – nur Deinen Blick.
Stille Nacht, heilige Nacht? Du allein heilst und heiligst Nächte… anders, als ich es mir wünsche… im Vermissen bist DU mir nah.

Sr. Martina Selmaier
Foto: Detail aus der Reihe "Werke der Barmherzigkeit" von Sr. Katharina Horn und Albert Kohns



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