ANKUNFT – UNERWARTET!

Eine Pfarrgemeinde erwartet ihren neuen Pfarrer zum ersten Gottesdienst. Die Kirche füllt sich bis auf den letzten Platz. Am Kircheneingang sitzt ein Bettler. Ganz wenige werfen eine Münze in den Hut, die meisten blicken weg und gehen vorbei. Kurz vor Beginn des Gottesdienstes steht der Bettler auf und geht langsam durch den Mittelgang nach vorn. Unterwegs bleibt er immer wieder stehen, grüßt nach links und nach rechts und streckt den Gläubigen die Hand entgegen. Keiner ergreift sie, die meisten schauen weg. Schließlich setzt sich der Mann in die erste Bank. Ein Raunen geht durch die Menge. Der Mesner kommt, zeigt auf das Schild „Reserviert“ und fordert den Mann auf, den Platz zu räumen. Der Bettler steht auf. Er wendet sich zum Altar, verbeugt sich ehrfürchtig - und geht zum Lesepult. „Liebe Schwestern und Brüder,“ spricht er mit klarer Stimme, „lassen Sich mich kurz berichten, was ich gerade erlebt habe. Ich saß vor der Kirchentür und bat um eine Spende. Fünf von Ihnen haben mir etwas gegeben. Ich ging durch die Kirche und grüßte Sie. Niemand wollte mir die Hand geben. Ich setzte mich in die erste Bank, doch ich wurde gebeten, sie zu verlassen.“ Kurze Stille – dann: „Ich bin Ihr neuer Pfarrer.“ Betroffenheit, fassungsloses Raunen. Als er Mütze und Brille abnimmt, erkennen sie ihn. Der Pfarrer spricht weiter: „Hören wir nun eine Stelle aus dem Matthäus-Evangelium: Die Gerechten werden sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben…“ *

Soweit der Inhalt eines Artikels - vor wenigen Tagen bin ich beim Surfen im Internet darüber gestolpert. Die Geschichte ist erfunden, stand darunter. Sie sei angelehnt an ein Experiment aus dem Jahr 1970 zur Frage, wann Menschen Hilfsbereitschaft zeigen.
Die Geschichte beschäftigt mich. Ich spüre: genauso kann das passieren. Vermutlich hätte ich dem Bettler auch nichts gegeben.
Dabei wird mir klar: Ich erkenne nur, was ich kenne – im bekannten Umfeld und unter gewohnten Bedingungen. Meine Vorstellung, mein Bild, meine Erwartungshaltung grenzt mein Wahrnehmungsvermögen ein!
Der Advent beginnt. Was erwarte ich? Bleibt Raum für Unerwartetes? Vielleicht reicht es, ganz wach im JETZT zu sein, mit offenen Augen, offenem Herzen, offen für Kurskorrekturen?
MARAN ATHA – Komm, Herr Jesus!

Sr. Martina Selmaier
*nach einem Editorial von Wolfgang Poeplau in der Zeitschrift „unterwegs“, 3/2018

 




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